Mittwoch, 3. März 2010

Leben Homosexuelle in Uganda wirklich so gefährlich?

Liest man über Ugandas neuen Gesetzesentwurf, Homosexuelle und deren Freunde wegzusperren oder zu töten, dann mag man gar nicht glauben, dass so etwas in diesem christlichen afrikanischen Land drohende Wirklichkeit ist (wir berichteten). Bisher ist man derart hässliches Denken nur aus islamistischen Ländern gewohnt. US-Evangelikale haben voriges Jahr bei einem Kongress selbst dazu inspiriert, die Homosexualität aus Uganda auszulöschen. Nach weltweiter Kritik kommen manche nun doch zum Nachdenken, einzelne Evangelikale distanzieren sich nun von dem "Kill-Gays"-Gesetzesentwurf, angeblich hätten sie die Macht ihrer eigenen Worte unterschätzt, heißt es. Dass dies erst später zugegeben wird ist tatsächlich bedenklich, wirft dies doch kein gutes Licht auf die Evangelikalen, die dafür bekannt sind, Homosexuelle entweder umtransformiert oder wenigstens nicht als so störend zu wissen (siehe Links unten).

Genau deshalb ist Martin Ssempa, evangelikaler Pastor aus Uganda, so für das "Kill-Gays"-Gesetz: Er glaubt fest daran, dass Homosexuelle aus dem Westen importiert worden sind, um die Gesellschaft in Uganda zu zerstören, und um das zu beweisen, zeigt er seinen Mitstreitern öffentlich Gaypornos. Zusammen mit Christen und Moslems spornt er zu Kundgebungen an, in denen er zum Gebet gegen Homosexuelle aufruft und sie symbolisch in Grund und Boden stampft. Dass die US-Evangelikalen der ExGay-Bewegung das nicht gewusst haben wollen, will man ihnen kaum abnehmen. Interessant: Gestern wurde ein großer inhaltlicher Teil des Blogs von Ssempa gelöscht. Passagen, die beweisen sollten, wie Homosexuelle Kinder rekrutierten und Gottes Ordnung zerstörten.

Auszüge aus der Presse:

Was sie tue, sei des Teufels, schreien religiöse Eiferer. Die Frau mit den Rastalocken und der Baseballkappe ist homosexuell. Sie lebt gefährlich in diesem Land, weil Fundamentalisten, evangelikale Gruppen und einflussreiche Politiker lautstark gegen Schwule und Lesben hetzen. Und ein neues Gesetz fordern, das die Homosexuellen noch stärker kriminalisiert als bisher. Dass Schwule und Lesben in Uganda, wie auch in vielen anderen Ländern Afrikas, diskriminiert werden, ist nicht neu - neu sind die Schärfe und Aggressivität, mit der die angeblichen Hüter der afrikanischen Moral nun gegen diese sexuelle Minderheiten zu Felde ziehen.

In Uganda stehen Leute wie Martin Ssempa an der Spitze der Bewegung. An einem bewölkten Nachmittag hüpfte der Pastor, ein Führer der Wiedergeborenen-Bewegung, auf einem hohen Podest am Taxibahnhof der Stadt Jinja herum. Er trägt einen schwarzen Talar, mit zwei roten Kreuzen auf der Brust. Dazwischen leuchtet ein Button: "Uganda against Sodomy". Neben ihm steht ein islamischer Religionsführer. Unten auf dem Platz lauschen einige hundert Demonstranten. Und Ssempa gerät mächtig in Fahrt. "Homosexualität ist das Böse", brüllt er ins Mikrofon. Afrika müsse sich davor schützen. Dann trampelt er auf den Boden, und alle machen mit. Immer wieder. Das Böse muss ja jetzt zertreten werden.

Ssempa, der Demagoge: Er sagt, dass der Westen von Homosexuellen schon übernommen worden sei. Er setzt sie mit Pädophilen gleich. Er behauptet, dass Ugander von Homosexuellen aus dem Ausland "rekrutiert" würden. Menschenrechte? Schutz von Minderheiten? "Ich sage Ihnen was: Unser Recht ist es, unsere Kinder vor dem Bösen zu schützen."

Bei Pressekonferenzen zeigt er gerne homosexuelle Pornos. Dazu schneidet er die wildesten Grimassen, um seine Abscheu auszudrücken. Er wirkt manchmal wie ein Clown, aber das alles ist todernst. Ssempa versteht es, Stimmung zu machen für seine Sache, und zu hetzen wie kaum ein anderer in Kampala. (Süddeutsche)

Nach der internationalen Empörung über das geplante Anti-Homosexuellen-Gesetz in Uganda haben auch konservative evangelikale Christen in den USA das Vorhaben verurteilt. Dabei haben sie selbst mit ihrer homofeindlichen Einstellung den Boden für das Gesetz bereitet.
Der Entwurf für das Gesetz entstand, nachdem in der Hauptstadt Kampala im März 2009 ein Seminar von evangelikalen Christen aus den USA stattgefunden hatte, in dem die Heilung von Homosexualität gepredigt wurde. Mit dabei: der ugandische Parlamentarier David Bahati, der die Vorlage im Oktober im Parlament einbrachte.

Sollte das Gesetz, das auch die Todesstrafe vorsieht, in Kraft treten, würde Uganda zu den gefährlichsten Länder für Homosexuelle gehören. Der aus Sambia stammende anglikanische Pastor Kapya Kaoma sagte dem epd, konservative Evangelikale hätten ihren "Kulturkrieg" gegen Homosexualität nach Afrika exportiert, vor allem nach Uganda, Kenia und Nigeria. Beim US-Politikforschungsinstitut "Political Research Associates" veröffentlichte Kaoma eine Studie über die engen Verbindungen US-amerikanischer Kirchen zu Anti-Homosexuellen-Kampagnen in Afrika.

Bei ihrer Verurteilung von Homosexualität hätten die US-Amerikaner die Macht ihrer Worte vielleicht unterschätzt, sagte Kaoma. In den USA würden homosexuell orientierte Menschen durch Gesetze geschützt, in Afrika vielerorts aber nicht. Die Warnungen aus den USA gälten "vielen Afrikanern als Evangelium, nicht als Meinung" (evangelisch.de)

Richtig gelesen: Die sexuelle Orientierung kann in Uganda möglicherweise demnächst über das Recht auf Leben entscheiden. Selbstverständlich hat dieses Gesetzesvorhaben bei den Schwulen und Lesben Ugandas absolutes Entsetzen hervorgerufen, und auch im Ausland ist die Angelegenheit mit Aufmerksamkeit beobachtet worden. Das ist auch nur recht und billig, denn einige der religiös inspirierten Schwulenhasser, die hier ihre Dummheit in Gesetzesform gießen wollen, kommen gar nicht aus Uganda, sondern unter anderem aus den USA. (heise.de)


Es gibt immer noch die Möglichkeit, eine weltweite Petition für Menschenrechte in Uganda mit zu unterzeichnen, bisher wurden knapp 500.000 Unterschriften abgegeben: hier unterschreiben!


Links: Süddeutsche Zeitung - "Mein Vater würde mich erschlagen"
evangelisch.de - US-Evangelikale gegen Todesstrafe für Schwule
die Presse - Kreuzzug gegen Homosexuelle in Uganda geht weiter
Telepolis - Auf den letzten Metern
BBC - Uganda cleric shows gay porn film
BoxTurtleBulletin - Slouching Towards Kampala: Uganda's Deadly Embrace of Hate

Kommentiert: Truth Wins Out - Martin Ssempa, Blogging?
ExGayWatch - Christianity Today on Uganda: Condemnation Violates Human Rights
BoxTurtleBulletin - Will Gay Porn Becomes Christianity's New Recruiting Tool?
BoxTurtleBulletin - Group Presents Petition Against Anti-Gay Bill to Ugandan Parliament


2 Kommentare:

Unknown hat gesagt…

Hi hab es veröffentlicht bei Facebook und Lesarion damit es ganz viele lesen und unterschreiben.

LG Liane

ExGay-Observer hat gesagt…

Laut dem ugandischen "Observer" pilgern mittlerweile die Menschen zu Ssempas Kirche. Sie hoffen, einen Blick auf die berüchtigten Pornostreifen werfen zu dürfen, deren Besitz in Uganda eigentlich verboten ist - und beschweren sich dann auch schonmal über den "schlechten Geschmack" Ssempas, keine Lesbenfilmchen gezeigt zu bekommen. Kirche ad absurdum.
Quelle: Shortnews - Observer.ug

Mittlerweile haben ugandische Kirchenführer eine Petition mit über einer halben Million Unterschriften gegen das geplante Gesetz dem Parlament überreicht. Seit Bekanntwerden des Gesetzentwurfes kam es in mehreren afrikanischen Ländern zu gewaltsamen Übergriffen gegen schwule Männer.
Quelle: GGG.at