Mittwoch, 21. Mai 2008

Homosexualität und Christsein. Für viele ein Dilemma (Teil 1)

Homosexualität ist an und für sich eine "sexuelle Orientierung, bei der Liebe, Romantik und sexuelles Begehren ausschließlich oder vorwiegend für Personen des gleichen Geschlechts empfunden werden". Ein aussenstehender bibelfester Gläubiger würde Homosexualität aber eher mit dem rein sexuellen Vergnügen verschiedenster sensationsgierender Männer gleichsetzen. Denn in der Bibel wird Homosexualität in heutigem Sinne nicht angesprochen. Der gleichgeschlechtliche Akt zwischen Männern oder Frauen wird allerdings in negativem Zusammenhang erwähnt. Da der aussenstehende (heterosexuelle) Christ mit homoerotischen Gefühlen weiter nichts anfangen kann und gleich gar nicht mit dem schwulen "Lifestyle" in Verbindung gebracht werden möchte ("Oberflächlichkeit, Krankheiten, AIDS, Promiskuität"), bleibt Homosexualität für ihn eine Perversion, mit der Christen nichts zu tun haben sollten. Viele erklären deutlich: "Homosexualität ist Sünde!". Um dies zu untermauern, wird gerne die Geschichte von Sodom und Gomorrah erwähnt, zwei Städte, die Gott wegen ihrer Gräueltaten vernichtete. Manche behaupten sogar, Gott strafe Homosexuelle wegen ihrer Gottesferne mit der Immunschwäche AIDS. Gott hasst Homos?

Besonders in evangelikal christlichen Kreisen wird über das Tabuthema Sex
ualität wenig gesprochen, und dann auch nur sehr vorsichtig und warnend: Kein Sex vor der Ehe, Verliebte sollen nicht allein zusammen ins Wochenende fahren, und über Homosexualität wird erst gar nicht gesprochen. Undenkbar, dass ein Christ solch einen widerwärtigen Lebenswandel führen sollte. Wer in so einem Umfeld aufwächst und selber feststellen muss, dass Homosexualität keine abartige Handlung ist, sondern eine sexuelle Orientierung, wird ersteinmal vor einem Schock stehen. Schlimmer noch, da die sexuelle Orientierung auch einen beträchtlichen Teil der persönlichen Identität ausmacht, wird solch ein Mensch durch Angst und Abscheu vor sich selbst dazu tendieren, sich in seinem innersten Wesen abzulehnen. Jeder Gedanke an Liebe, Romantik und Sexualität wird im Keim verdammt und verteufelt. Es herrscht Krieg gegen sich selbst. Das nur, weil in fast allen evangelikalen Gemeinden Homosexualität verschwiegen, verdammt oder falsch verstanden wird.

Der durchschnittliche evangelikale Christ wird also Homosexualität nicht als Bestandteil eines Menschen ausmachen, sondern als verabscheuungswürdige
Tat betrachten. Aber auch unter evangelikalen Christen gibt es homosexuelle Menschen. Und solche stehen in ihrem Dilemma ziemlich alleine da. Da sie befürchten, nicht in das gottgefällige Bild eines braven Familienvaters zu passen, kämpfen und verbiegen sie sich bis zur inneren Erschöpfung. Für diese Leute wäre beinahe jede Lösung willkommen, um ihren Selbstvorwürfen und ihrem Selbsthass ein Ende zu bereiten. Homosexuelle Gefühle und Gedanken abstellen und in heterosexuelle Gefühle verwandeln.

Ex-Gay-Organisationen geben vor, sich genau diesen verzweifelten Menschen anzunehmen, sie wieder auf die richtige Spur zu bringen, damit sie eines Tages ein freies glückliches und "normales" (nämlich heterosexuelles) Leben führen können. In Deutschland gibt es einige wenige kleine
Selbsthilfegruppen. Die Gruppe Wuestenstrom bei Stuttgart sticht da hervor. Ihr Leiter und Mitgründer Markus Hoffmann bietet suchenden Menschen eine Therapie, um sie auf ihrem Weg "ergebnisoffen zu begleiten". Für die meisten bedeutet das, sich endlich vom Homo zum Hetero zu wandeln. Man könnte auch Umpolung dazu sagen, nur verbietet sich Wuestenstrom diesen Ausdruck. Reparative Therapie sei keine Umpolung, so wird betont, sondern würde dem Menschen zur Heilung und Vervollständigung des Inneren Wesens verhelfen. Dieses wiederum sei durch jahrelange schlechte Erfahrungen in der Kindheit vor allem in einer problematischen Familie oder einem schweren Umfeld traumatisiert und in der Entwicklung steckengeblieben. Der homosexuelle Mensch sei also nichts anderes als ein Neurotiker, ein unterentwickelter Mensch mit einer verkümmerten Sexualität. Diesen gilt es, mit offenen Armen anzunehmen und ihn mehrere Jahre lang therapierend zu begleiten. Für Männer gilt: alles was männlich ist, wird befürwortet, echte Männerfreundschaften gutgeheißen. Der Ansatz lautet: Wer sich innerlich in seinem Mannsein vollständig fühlt, der wird das Interesse am eigenen Geschlecht mehr und mehr verlieren und sich dem fremden Gegengeschlecht zuwenden. Und diese Idee scheint auch irgendwo zu laufen. Schließlich fühlen sich viele Klienten verunsichert, minderwertig, schlechter. In der Regel treibt sie ihre Not zu entsprechenden Organisationen. Und die empfundene Unterstützung kann sie durchaus bestätigen, am Ball zu bleiben. Es gibt da nur ein kleines, aber entscheidendes Problem: Sexuelle Orientierung ist nicht änderbar!

Wie man heute weiß wird die sexuelle Orientierung bereits in frühester Kindheit festgelegt, sie hat nichts mit einem problematischen Umfeld zu tun. Auch wenn Sexualität im Laufe des Lebens niemals starr bleibt, so bleibt die Orientierung unveränderbar! Wuestenstrom behauptet in seiner Kernaussage aber, dass es "unwissenschaftlich" sei, davon auszugehen, dass Menschen von frühester Kindheit an ein homosexuelles Wesen haben könnten. Auch wenn das Gegenteil heute so gut wie bewiesen scheint, so ignoriert Wuestenstrom Fakten. Genauso wie die Tatsache, dass es buchstäblich niemanden gibt (Herrn Hoffmann eingeschlossen!), der durch Ex-Gay-Therapie seine sexuelle Orientierung 100% ändern konnte! Alles, was Ex-Gay-Organisationen erreichen können, ist eine Veränderung der sexuellen Verhaltensweise! Zahlreiche Skandale haben in den letzten Jahren zudem die Glaubwürdigkeit dieser Bewegung erschüttert. Weltweit merkten viele Klienten im Laufe der Jahre, dass ihr Kampf gegen die Homosexualität nicht zu gewinnen ist und nahmen sich teilweise sogar verzweifelt das Leben. Andere wurden so schwer in ihrer Psyche geschädigt, dass sie noch nach Jahren nur mit Mühe wieder zu sich selbst finden können. Der christliche Anspruch dieser Organisationen basiert lediglich auf Halbwahrheiten und politischem Einfluss. Vertreter fundamentalistischer Kreise unterstützen diese Organisationen, da sie davon ausgehen, dass es Gottes Wille sei, Menschen ihre angeblich falsche Sexualität auszutreiben, auch wenn sie sich kaum persönlich mit homosexuellen Menschen befassen. Jegliche Argumentation seitens homosexuell freundlich gesinnter Gruppierungen wird verallgemeinert als "propagierende Schwulen-Lobby", deren einziges Bestreben es sei, jegliche öffentliche Meinungsbildung zu kontrollieren(!).

Für den homosexuellen Menschen ist es ein Drama: Im Kampf gegen sich selbst verliert er weiter an der eigenen Persönlichkeit, anstatt sie zu stärken. Um nicht aufzugeben muss er an die Ex-Gay-Ideologie glauben, auch wenn sie kaum spürbar wird. Er wird aus christlicher Seite unfrei gemacht, und bleibt sich selbst damit überlassen. Erst wenn er den Mut hat und sein Glaubensbild hinterfragt, kann er die Chance haben, zu entdecken dass dieser gewählte Weg nicht die Lösung sein kann. Dieser Schritt erfordert allerdings viel Mut und könnte für viele der Zusammenbruch des bisherigen Glaubensverständnisses bedeuten.

Fortsetzung: Homosexualität und Christsein - Was tun?

1 Kommentar:

Günther Pagel hat gesagt…

Hallo "Observer",
wirklich gut geschrieben, nett designed und gut strukturiert. Ich schau ab und an mal hier vorbei- und werde Deinen Blog weiterempfehlen.

Gruß,
Günther