Donnerstag, 11. Februar 2010

Englischer Therapietester gründet Task Force gegen Exgay-Bewegung

Erst kürzlich berichteten wir von dem Journalisten Patrick Strudwick, der in England Schlagzeilen machte, als er von seinen Undercover-Erlebnissen mit Therapeuten berichtete, die ihm eine Konversionstherapie angeboten hatten. Nach seinem Aufdecken der skandalträchtigen Therapiemethoden bekam er eine Flut von Zuschriften von verzweifelten ehemaligen Klienten und frustrierten Psychologen. Jetzt macht Strudwick ernst und gründete die Stop Conversion Therapy Taskforce (SCOTT), die auf Facebook bereits jetzt schon knapp 2.000 Mitglieder zählt.

Guardian - The war on 'cures' for homosexuality

Im Krieg gegen die "Heilung" der Homosexualität

Meine verdeckten Ermittlungen haben zu einer Kampagne gegen diejenigen geführt, die mit wertlosen Therapien Menschenleben zerstören. by Patrick Strudwick

Vergangenes Jahr in Großbritannien: Ein Psychiater und eine Psychotherapeutin versuchten, mich von meiner Homosexualität zu "heilen". Was sie aber nicht wussten, war, dass ich undercover nachforschte, was bei einer sogenannten "Konversionstherapie" passiert. Die veröffentlichten Ergebnisse meiner Nachforschungen im Independent letzte Woche lösten ein Lauffeuer der Wut und Empörung aus.
Das überrascht kaum. Die Psychotherapeutin erzählte mir, ich sei sexuell von einem Familienangehörigen missbraucht worden (was ich nie wurde). Der Psychiater versuchte während einer "Sitzung", mich sexuell zu erregen. Dieser behauptete auch, er habe seine eigene Sexualität "gelöst", während er gleichzeitig zugab, sich immer noch mittels schwuler Pornographie selbstzubefriedigen. Noch skandalöser war wohl noch die Entdeckung, dass die Krankenkasse manchmal solche Behandlungen versehentlich finanziert.

Die Resonanz war überwältigend. Zahlreiche ehemalige Opfer der Konversionstherapie haben mich angeschrieben, berichteten von den Jahren des Leidens, die sie während und nach der Behandlung ertragen mussten - manche von ihnen wurden von ihren Familien dazu hineingezwungen. Therapeuten schrieben mir in ohnmächtiger Frustration, wie sie am Ende den psychologischen Scherbenhaufen zusammenkehren mussten, den die Umpolungstherapeuten hinterließen. Viele Leser waren einfach nur erstaunt, dass es so etwas im vergleichsweise säkularen Großbritannien gibt.
Weitab den westlichen Ländern waren die Reaktionen noch beunruhigender: Homosexuelle Männer und Frauen haben mich angeschrieben und um Hilfe gebeten. Andere haben mir das zunehmende Klima der Angst in Uganda übermittelt. James Nsaba Buturo, Minister für Ethik und Integrität, sagte kürzlich, dass im Rahmen des vorgeschlagenen Anti-Gay-Gesetzesentwurfs die Konversionstherapie auf diejenigen angewandt werden würde, die der Homosexualität überführt würden, um dazu beizutragen, "sündigen Menschen eine akzeptable sexuelle Orientierung näherzubringen". Eine erzwungene Umpolungstherapie mag zwar nicht so schlimm sein wie die Todesstrafe, die ursprünglich im Gesetzesentwurf vorgesehen war, aber sie kann mit Sicherheit zu einer lebenslänglichen Strafe werden.

In Anbetracht all dessen habe ich eine Facebook-Gruppe gegründet namens Stop Conversion Therapy Taskforce (Scott). Innerhalb der ersten 24 Stunden traten Hunderte bei, fest entschlossen, irgend etwas zu tun.
Unser erstes anvisiertes Ziel ist eine Konferenz mit Konversionstherapeuten, die am 19. Februar in Nordirland stattfinden wird, mit Mario Bergner als Ehrengast. Er schrieb das Buch "Umkehr der Liebe", in dem er behauptet, er sei durch Gebete heterosexuell geworden. Er beschreibt auch, wie er "mit elf AIDS-Symptomen" im Krankenhaus lag, bevor ihn der "Geist des Herrn" besuchte, der ihm über Nacht Besserung schenkte, und er so später auf das Virus negativ getestet wurde.

Im vergangenen April fuhr ich im Rahmen meiner Nachforschungen zu einer ähnlichen Konferenz nach London, wo Therapeuten und Gläubige das "Heilen" ihrer Klienten erlernen wollten. Ich erlebte wie Joseph Nicolosi, der wohl berüchtigste amerikanische Konversionstherapeut, dessen Methoden die Grundlage für viele der Praktiken in diesem Land sind, einen nervösen jungen Mann vor einem Live-Publikum behandelte. Ich fühlte mich als müsste ich einer Grausamkeit zusehen.
Die Glaubensbasis der Konversionstherapie, dass Schwule nämlich nicht nur gottlos und falsch sind, sondern von Natur aus geschädigt sind und "geheilt" oder umprogrammiert werden könnten, stellt eine faschistische fundamentalistische Ideologie dar. Fachleute im Gebiet der Psychologie, die solche Gedanken befürworten, sind eine höchst gefährliche Angelegenheit.

SCOTT wird mit seiner Arbeit nicht nur Konferenzen stören. Wir möchten, dass professionelle Einrichtungen wie das Royal College der Psychiater und die Britische Vereinigung für Beratung und Psychotherapie in ihren Verhaltenskodex spezifische Bestimmungen mitaufnehmen, die die Versuche verurteilen sollen, die sexuelle Orientierung zu verändern (derzeit haben sie eher allgemeine Punkte, die persönliche Einstellung zur Sexualität nicht in die Behandlung einfließen zu lassen).
Wir werden auch weiterhin vereinzelt Therapeuten bloßstellen und den Berufsverbänden melden. Es wird nicht einfach sein. Viele arbeiten mit beschönigenden Worten, die ihre wahren Absichten verhüllen sollen. Sie verteidigen ihre Methoden vehement, indem sie behaupten: "Wir bieten eine Wahl! Wir kümmern uns nur um diejenigen, die dies gerne annehmen möchten!". Das ist wie eine Venusfliegenfalle, die das hungrige Insekt dafür beschuldigt, in dessen klaffenden Mund gewandert zu sein. Aber wir sind dazu fest entschlossen, sie auszulöschen, wie lange das auch dauern mag. Das wird keine Schlacht. Das ist ein echter Krieg.

Link: Stop Conversion Therapy Taskforce (SCOTT)
Kommentiert:
gaywest - Das Wort zum Sonntag (Estomihi)
exgaywatch - British Journalist Declares 'War' on Homosexuality 'Cures'
GayAboutTown - Love Needs No Cure (mit hilfreichen Links!)
NowPublic - SCOTT campaign launched in UK to expose ex-gay therapists
Ekklesia - New campaign challenges attempts to 'cure' gay people
JoeMyGod - UK Reporter Patrick Strudwick Declares War on 'Ex-Gay' Industry
Freedom2Be - Patrick Strudwick Exposed the Tricks of Ex-Gay Therapy

Kommentare:

Liane hat gesagt…

hallo danke für deine Bemühungen, echt interessant und auch voll krass. Ich verlinke das auch noch mal auf meinen Seiten, Gottes Segen weiterhin und LG Liane

ExGay-Observer hat gesagt…

danke Liane. Ich schließ mich da mal meinen Freunden auf exgaywatch an: einen "Krieg" gegen einzelne Täter in der Exgay-Bewegung möchte ich sicher nicht starten, was ich aber möchte, ist auf die Brisanz des Themas auch hier in Deutschland aufmerksam zu machen. Die hiesige Exgay-Bewegung fördern solche Geschichten auch in unserem Land! Ich habe darüber schon mit so vielen Opfern gesprochen... und finde es einfach nur traurig, dass dieses Leid ausgerechnet von Christen verursacht wird (die dann auch noch behaupten, sie wollen ja nur "helfen")

Anonym hat gesagt…

Sicher, es geht hier nicht um "Krieg", denn den führen ja die anderen und wir sollten uns auch rhetorisch nicht auf diese menschenverachtenden, faschistischen Gesinnungen, die ganz klar in Nazi-Tradition stehen (siehe entsprechende Experimente von Nazi-"Ärzten" und "Forschern"), einlassen.

Aber es geht sehr wohl darum, endlich unseren angeblichen Rechtsstaat in die Pflicht zu nehmen und solche lebensgefährlichen Praktiken und Angriffe auf unsere Menschenwürde, die im Kern ein klares Ziel verfolgen: die Auslöschung von Homosexuellen, explizit gesetzlich zu unterbinden und als das kapitale Verbrechen zu behandeln, das sie darstellen! Die letzte deutsche Bundesregierung hat entsprechende "Therapien" ja bereits auf Anfrage der Grünen offiziell abgelehnt und verurteilt, aber damit kann es bei einem derart existenziellen Thema nicht getan sein. Es hat ganz und gar nichts mit "Meinungs-" oder "Wissenschaftsfreiheit" zu tun, wenn hier auf Basis einer menschenverachtenden, zutiefst heterosexistischen und faschistischen Ideologie Angriffe auf die Menschenwürde von Schwulen und Lesben stattfinden und diese bis hin zum Selbstmord getrieben werden.

Warum gelingt uns eigentlich in Deutschland nicht eine ähnliche Mobilisierung "von unten" wie in Großbritannien, wo ja auch im bildungspolitischen Bereich und überhaupt in der Antidiskriminierungspolitik sehr viel mehr in (positiver) Bewegung ist???