Samstag, 10. Oktober 2009

Exodus-Wissenschaftler zweifelt eigene Ex-Gay-Studie an

Michael Airhart schreibt auf Truthwinsout über Mark Yarhouse:

Exodus’ Hired Researcher Counters Own Study’s Claim of Ex-Gay ‘Change’

Mark Yarhouse von der Regent-Universität (deren Präsident Pat Robertson ist) arbeitete im Jahre 2007 als Mitverfasser mit an einer offenen Studie über die Ex-Gay-Therapie (Umpoltherapie). Diese Studie wurde von Exodus International finanziert - dem Nordamerikanischen Netzwerk evangelikaler Ex-Gay-Aktivisten - und von Stanton Jones mitverfasst, ein weiterer Evangelikaler, der beim konservativen Wheaton College in Illinois beschäftigt ist.

Exodus hat die Studie fälschlicherweise als "fachlich begutachtet" präsentiert - was sie nicht war - und Yarhouse und Jones wurden kritisiert, Musterbereiche und Standards von Erfolg oder Misserfolg so zusammengebastelt zu haben, damit garantiert ein Ergebnis erscheinen würde, das Exodus gefallen würde.

Insbesondere folgende Mängel schlugen sich auf die Arbeit von Jones und Yarhouse nieder:

  • Ursprünglich sollten 300 Teilnehmer für die Studie ausfindig gemacht werden, doch nach einem Jahr Suche musste man sich damit zufriedengeben, nur 98 Freiwillige zusammengetrommelt zu haben.
  • Während der Studie brachen 25 Teilnehmer ab, und die Antworten eines Teilnehmers waren zu unvollständig, um ausgewertet zu werden.
  • Von den 72 Verbliebenen gaben lediglich 11 Teilnehmer an, "zufriedenstellend, wenn nicht unproblematisch, heterosexuell angepasst" worden zu sein. Der Großteil dieser 11 Teilnehmer blieb primär homosexuell angezogen, oder bestenfalls bisexuell, war aber damit zufrieden, wenigstens ein bischen stärker auf das andere Geschlecht angezogen zu sein, oder ein bischen weniger auf das eigene Geschlecht.
  • Nachdem die Studie beendet war, noch bevor das Buch fertiggestellt wurde, gestand einer dieser 11 Teilnehmer den Autoren, dass er gelogen hatte - er wollte sich wirklich verändern, und hatte auch sehr gehofft sich verändert zu haben, und gab an dass er sich verändert habe. Er schloss aber daraus, dass er sich nicht verändert hatte, hatte danach sein Coming-Out, und lebt heute offen schwul.
  • Dutzende der Teilnehmer nahmen keinerlei Verminderung der gleichgeschlechtlichen Anziehung wahr, und keine Zunahme der gegengeschlechtlichen Anziehung, wurden aber als "Erfolgs"geschichten von Jones und Yarhouse eingestuft, weil sie lediglich zölibatär leben - etwas was viele konservative schwule Menschen bereits tun.
  • Die Studie hat bewusst keinen Ex-Gay-Überlebenden befragt: Menschen, die angeben, psychische Schäden von Ex-Gay-Therapien davongetragen zu haben, und die Unterstützergruppen wie z.B. Beyond Ex-Gay gegründet haben. Trotz - oder gerade wegen - dieser Weglassung stellten Yarhouse und Jones die unbegründete Behauptung auf, dass es kaum oder gar keine Nachweise gebe, die Umpoltherapie könne schaden, resultierend aus unbestätigten, unbeaufsichtigten, unlizenzierten und amateurhaften Ex-Gay-Beratungsstrategien.

Kurz gesagt, der Studienaufbau ist derart mangelhaft, dass kein etabliertes, professionelles psychologisches Gesundheitsjournal dies veröffentlichen würde.

Und trotzdem zitierten Exodus, Focus on the Family und andere politisch rechtsgerichtete christliche Gruppen sofort diese Studie als Beweis dafür, dass jeder seine sexuelle Orientierung verändern könnte, ohne Angst haben zu müssen vor Krankheitsauswirkungen, aufgrund von widerlegten Methoden oder unehrenhaften Amateurberatern.

Allerdings weicht nun Yarhouse zurück von einigen frühen Reaktionen zur Studie.

Während einem Symposium der Regent-Universität am 25. September sagte Yarhouse - so berichtet zumindet der Virginian Pilot - dass gleichgeschlechtliche Anziehung zwar bei manchen Personen veränderbar sei, sich aber nicht jeder verändern könne.

“Für mich gilt, aus eigener Gewohnheit, dass ich nicht auf einen Orientierungswechsel fokussieren würde," sagte Yarhouse, ein Psychologe und Berater, der auf der evangelikalen christlichen Schule Regent unterrichtet. ...

Yarhouses Studie fokussierte auf diejenigen Menschen, die angaben, dass ihre gleichgeschlechtliche Orientierung mit ihrer religiösen Überzeugung nicht vereinbar sei. Er sagte, seine Untersuchung fand heraus, dass es bei manchen Exodus-Teilnehmern eine "mäßige" Entwicklung weg von der Homosexualität gegeben habe, jedoch kategorische Konversionen zur Heterosexualität sehr rar seien.

Yarhouse empfahl, dass Berater es vermeiden sollten, leidende Schwule konstant Richtung Heterosexualität zu lenken, und sich stattdessen auf das beste Ergebnis für die Person konzentrieren sollten.

Dies könnte das Zölibat miteinschließen, oder das Erkunden verschiedener Glaubensgruppen mit unterschiedlicher Einstellung gegenüber Schwulen und Lesben, so Yarhouse.

Trotz dieser Aussagen hat noch keiner der christlichen Rechten die eigenen Prahlereien zurückgenommen, die 2007-2008 falsch über die Ergebnisse der Studie berichtet hatten. Bevor Yarhouse noch lautstarker wird, werden die Öffentlichkeit im allgemeinen und besonders die christlichen Rechtler bewusst fehlinformiert bleiben über die Unfähigkeit der meisten gleichgeschlechtlich-orientierten Personen, ihre Orientierung zu verändern.

Kommentare:

Reinhold Weicker hat gesagt…

Zu dem letzten Eintrag im Weblog ein Literaturhinweis, ein wenig
in eigener Sache: Mehrere der genannnten kritischen Punkte zur Jones-Yarhouse-Studie
sind auch behandelt auf der Webseite

http://www.huk.org/aktuell/ueberblick-veraenderung-orientierung.htm

und, ausführlicher, auf

http://www.zwischenraum.net/spitzer_als_spitzer.htm
:

- Geringe Anzahl der Befragten
- Auswahl der Befragten und Finanzierung der Studie durch "Exodus"
- "Seitenwechsel" eines Teilnehmers bekannt, aber in der Auswertung nicht
berücksichtigt.

Wenn jetzt Prof. Mark Yarhouse, wenn auch zögernd, sein eigenes Buch kritisch
zu bewerten beginnt, dann ist das erfreulich, es wird aber die unkritische
Übernahme einiger vereinfacht dargestellter Thesen nicht aufhalten.
Noch beim Kirchentag 2009 in Bremen sagte mir ein Vertreter der "Partei
Bibeltreuer Christen" (PBC): "Sehen Sie, dem Buch von Jones/Yarhouse können Sie
doch entnehmen, dass es Änderungen gibt". Wer kritische Einwände nicht
sehen _will_, der sieht sie eben auch nicht.

Reinhold Weicker, Paderborn

ExGay-Observer hat gesagt…

Dankeschön für den Hinweis. Genauso ist es auch, jede Studie die angeblich beweisen soll, wie sehr "Veränderung" möglich sein soll, ist für sich betrachtet ein ganz trauriges Armutszeugnis und stellt nur fest, dass alles mögliche passieren kann, nur eben keine Veränderung.
Wir bleiben auf dem Laufenden, es wird dazu aber auch noch einen ausführlicheren Artikel geben.

Angesprochen habe ich das bereits auch schon unter dem Topic:
Heilung von Homosexualität?